Über die Gleichzeitigkeit von Noch und Schon
Kennst du das?
Es gibt Zeiten, die lassen sich nicht eindeutig beschreiben.
Sie beinhalten noch die Energie von dem, was war,
und auch schon die Energie von dem, was sein wird.
Sie befinden sich irgendwie dazwischen.
In der Natur sehen wir das auch.
Der Frühling schickt seine Vorboten.
Und doch ist der Winter noch nicht ganz passé.

Oder die Tage zwischen den Jahren.
Dieses Gefühl, dass sich das neue Jahr schon ankündigt
und gleichzeitig das alte Jahr noch seinen Abschluss findet.
Oft hängen in diesen Zwischen- oder Schwellenzeiten noch offene Fäden im Raum,
die noch nicht zu Ende gewoben sind
und gleichzeitig den neuen Raum auch nicht mehr kleiden.
Dieses Gefühl der Gleichzeitigkeit
ist oft eine Qualität, die uns in Schwellenzeiten begleitet.
Schwellenzeiten sind selten laute Momente.
Sie sind Überlagerungen, wie Wellen, die ineinander übergehen.
Jede einzelne für sich,
doch nur zusammen wird die Bewegung sichtbar.
In dem Zusammenspiel zeigt sich meist auch die Richtung.
Oft neigen wir dazu, klare Übergänge festlegen zu wollen.
Eine neue Partnerschaft.
Eine neue Wohnung.
Eine neue Arbeitsstelle.
Es fühlt sich klar abgrenzbar an.
Doch wenn wir genauer hinschauen,
erkennen wir, wie sich die unsichtbaren Fäden
schon zuvor verwoben haben,
damit sich so ein neuer Abschnitt überhaupt zeigen kann.
Wo kannst du in deinem Leben gerade eine solche Schwellenzeit erkennen?
Wo nimmst du wahr, dass sich bereits Überlagerungen zeigen?
Das können zum Beispiel Momente sein, in denen du sehnsüchtig wirst.
Welche neuen Gedanken tauchen plötzlich in dir auf?
Welchen Impulsen möchtest du nachgehen, die sich neu anfühlen?
Solche Momente müssen nicht groß sein.
Manchmal zeigen sie sich als Vorfreude oder leise Abenteuerlust.
Wo merkst du, dass du noch etwas Altes bedienst,
das sich nicht mehr ganz stimmig und doch noch vertraut anfühlt?
Momente wie diese lösen manchmal eine gewisse Schwermütigkeit in uns aus.
Wo flüstert dir das Leben zu, genauer hinzusehen,
um neue Einflüsse willkommen zu heißen?
Schwellenzeiten geben uns die Möglichkeit,
die Fahrtrichtung unseres Lebensschiffes neu zu justieren.
Aus der Offenheit heraus das Leben als Wandlungsprozess zu sehen
und weniger aus der Starre heraus Altes festhalten zu wollen,
indem wir das Steuerrad so festhalten,
dass keine Bewegung mehr möglich ist.
Ein leiser Gedanke zum Mitnehmen
Schwellenzeiten beheimaten meist ein Noch und auch ein Schon.
Ein Noch, das uns mit dem verbindet, was war.
Und ein Schon, das leise ankündigt, was kommen möchte.
Ein Noch, mit dem wir das Alte würdigen können,
das sich langsam verabschieden darf.
Und gleichzeitig ein Schon,
das sich manchmal mehr und manchmal weniger klar in Worte kleiden lässt.
Es ist ein wenig so,
wie wenn der Frühling erwacht
und man ihn in der Luft bereits riechen kann.
Während der Winter am Morgen
mit seinen klaren knackigen Temperaturen
den neuen Tag begrüßt.
